ISDE SIXDAYS 2021 Italien

ITALIEN SIXDAYS 2021

Ich startete dieses Jahr zusammen mit dem DIRTBIKER-MAGAZIN-Team, das bedeutet ich bin mit meinen beiden Teamkollegen Alexander Gehlert und Frank Weckert in den Club-Mannschaften der internationalen Sechstagesfahrt gestartet. Das hatte zur Folge, dass ich nicht gegen die Frauen angetreten bin, sondern ich mich ausschließlich gegenüber den Männern behaupten musste.

Zunächst sind wir mit dem Dirtbiker-Magazin-Team fünf Tage vor dem Start des Rennens nach Italien, in die Lombardei, angereist. Der Grund für das frühe Anreisen ist, dass wir vor dem Rennen alle Sonderprüfungen zu Fuß besichtigen mussten. Insgesamt gab es neun Sonderprüfungen, die zwischen vier und zehn Kilometern lang waren. Einige davon waren Crossprüfungen über Feld und Acker. Andere wurden als Enduroprüfungen ausgeschrieben und führten über Single-Trials durch den Wald. Nach vielen Kilometern und Höhenmetern zu Fuß konnten wir das Strecke-Ablaufen zwei Tage vor Race-Start beenden. Durch das Ablaufen der Strecke, gab es schon vor dem eigentlichen Rennen die ersten kleinen Verletzungen, in Form von zwei fetten Blasen an den Füßen 😉. Die restliche Zeit nutzte ich zum Perfektionieren meines Reifenwechselns. Dabei konnten mir die Jungs von Rabacconda sehr helfen. Zudem konnte mir in den Tagen vor dem Rennen der Physiotherapeut des Deutschen Teams bezüglich meiner zurückliegenden schweren Verletzungen von 2018 helfen, die mir bei intensiven Belastungen noch zu schaffen machen.

Montags vormittags ging es dann endlich mit Tag 1 los. Die Etappe und die Prüfungen ließen sich an Tag 1 super fahren und machten Spaß. Trotzdem habe ich schon an Tag 1 ein Abenteuer erlebt. Leider war es überall sehr staubig, sodass es schwer war die Strecke zu sehen. Mich überholten an einem Bergab-Stück ein paar schnellere Fahrer, denen ich versuchte zu folgen. Ich versuchte dranzubleiben und konnte durch den vielen Staub nicht sehen, dass vor mir eine Kurve ist. Ich bremste, aber es war zu spät und ich stürzte zwei Meter einen Abhang hinab und kam von der Strecke ab. Ich begann andere Fahrer auf meine Misere aufmerksam zu machen, doch sie haben mich nicht sehen können. Ich kletterte also den Hang wieder hinauf, stellte mich mitten auf die Strecke und hielt zwei Fahrer an. Mit deren Hilfe konnte mein Motorrad wieder auf die Strecke gebracht werden und ich konnte mein Rennen erneut aufnehmen. Obwohl wir Einzelkämpfer sind, ist genau diese Hilfe unter den Fahrern das Besondere an diesem Sport. Manchmal gerät man in unangenehme Situationen und es ist nicht mehr möglich sich allein herauszuhelfen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass die Enduristen sehr hilfsbereite Menschen sind. Der Renntag war zwar sehr anstrengend, doch trotzdem konnte ich alle Etappen-Zeiten einhalten und gute Prüfungs-Zeiten einfahren. Ich konnte Tag 1 schließlich zufrieden beenden, musste jedoch spontan noch meinen Hinterrad-Reifen wechseln. Eigentlich hatte ich geplant nur jeden zweiten Tag den hinteren Reifen zu erneuern, in den 15 Minuten, die wir jeden Abend im Paddock zum Schrauben und Reparieren zur Verfügung bekommen. Durch ein paar Verbindungsstrecken, auf asphaltierten Straßen, war mein Hinterrad-Reifen jedoch schon sehr abgefahren und ich entschied mich diesen für Tag 2 zu erneuern, was problemlos verlief.

Dienstag starteten wir zum ersten Mal im Championat, sprich nach den Prüfungszeiten vom Vortag. Das bedeutet, dass die Fahrer um mich herum ähnliche Prüfungszeiten fahren wie ich. An diesem Tag waren mir also die schnelleren voraus und ich musste keine langsameren überholen. Dadurch wurde das Fahren an Tag 2 etwas angenehmer. Die Etappe hat sich jedoch immer mehr ausgefahren und wurde noch staubiger als an Tag 1. In den Prüfungen hatte ich leider ein paar Stürze, was mich wertvolle Zeit kostete. Unter anderem bin ich in einer Enduroprüfung, die durch einen Fluss führte in eine sehr tiefe Stelle des Flusses gestürzt. Ich hatte viel Glück, dass mein Motorrad nicht komplett unter Wasser tauchte und ich es wieder starten konnte. Trotz der Umstände konnte ich Tag 2 ohne Zeitstrafe beenden.

Am Mittwoch wurde ein letztes Mal die gleiche Etappe wie an Tag 1 und 2 gefahren. Die Strecke war jetzt stark ausgefahren und es war schwer bei dem Staub überhaupt noch irgendetwas sehen zu können. Ich konnte Rillen und Kanten nicht sehen und stürzte oft. Mein rechter Arm tat mit jeder Welle mehr weh. Der Schmerz in meinem Arm wurde so schlimm, dass ich meinen Bremshebel nicht mehr ziehen konnte. Ich bekam bei manchen Etappen-Stücken Angst. Auf der einen Seite, weil ich vor Staub nichts sehen konnte und es teilweise echt in tiefen Rillen sehr steil den Berg hinunter ging und auf der anderen Seite, weil ich mit meinem Arm nicht mehr in der Lage war zu bremsen. Ich fing mir an diesem Tag fünf Strafminuten ein, aber ich konnte ihn trotz sämtlicher Stürze beenden. Drei Stürze waren besonders schlimm. Beim ersten bin ich über einen sehr großen Stein im Flussbett gestürzt und auf anderen Steinen gelandet. Beim nächsten Sturz verheddert sich ein Ast in meinem Lenker und mein Motorrad folgte dem Ast und fiel seitlich den Hang hinunter. Ich war zu diesem Zeitpunkt so fertig, dass ich es nicht mehr schaffte mein Motorrad aus dem Baum zu befreien. Ein Holländer half mir wortlos, doch mitfühlend aus der Patsche. Ich wusste ich muss nur noch durch eine einzige Prüfung hindurch. Mein rechter Arm war stark angeschwollen, ich war fix und fertig und hatte starke Schmerzen. Ich riss mich zusammen und kurz vor dem Ziel der Prüfung fuhr ich aus Erschöpfung gegen einen Baum. Ich konnte kaum noch mein Motorrad aufheben. Irgendwie konnte ich diesen Tag aber noch beenden, obwohl ich jetzt mit Abstand zum Rennen, nicht mehr genau weiß wie 😉. Müde und voller Schmerzen nutzte ich noch gegen 23:00 Uhr die Hilfe von meiner Team-Chefin Steffi und dem Physio des deutschen Teams. Der Physiotherapeut erkannte einen Lymphstau in meinem rechten Unterarm, der vermutlich wegen der Überbelastung entstanden ist. Zum Glück konnte er mir helfen, sodass die Schwellung nachließ und der Schmerz erträglich wurde.

Am Donnerstag wurde eine neue Etappe gefahren. Mit Schmerzmittel konnte ich wieder an den Start gehen und mir machten sowohl die Etappe als auch die neuen Prüfungen spaß. Während des Rennens überholte mich ein schneller Fahrer und ein paar Minuten später lag er vor mir auf der Etappe und bewegte sich nicht mehr. Ein anderer Fahrer und ich hielten an und halfen dem Mann. Es kamen weitere Fahrer dazu. Wir organisierten Hilfe und zwei Fahrer blieben bei dem Verletzten. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sich der Mann mitten im Wald den Oberschenkel gebrochen hatte. Sich zu verletzen ist zwar ein bekanntes Risiko, das wir Fahrer eingehen und trotzdem hat es mich in diesem Moment zum Nachdenken gebracht. Wir fahren schließlich sehr schnell über Stock und Stein, müssen Zeiten einhalten, unser bestes Geben und Vergessen die Gefahr. Der Zeitdruck ist an manchen Tagen enorm und um noch pünktlich zu kommen, verzichten wir Fahrer oft auf Essen, Trinken und Toilettenpausen. Ich bin selbst beeindruckt von meiner unfassbaren Begeisterung für diesen Sport, obwohl wir diese Einschränkungen, die körperlichen Qualen und Belastungen freiwillig auf uns nehmen. Ich konnte mich aber schnell wieder aufs Rennen fokussieren und kam noch in meiner vorgegebenen Minute an der Zeitkontrolle an. Somit konnte ich diesen Tag wieder ohne Zeitstrafen beenden und hatte bis auf den Unfall einen erfolgreichen 4. Tag.

Am Freitag, Tag 5, wurde die erste Prüfung gestrichen und wir hatten an der ersten Zeitkontrolle viel Erholungszeit. Wir fuhren das zweite Mal die Etappe vom Vortag, die wieder stark ausgefahren war und erneut sehr staubig. Der Spaß an Tag 5 hielt sich in Grenzen, jedoch war ich sehr glücklich diesen Tag wieder ohne Zeitstrafe beenden zu können. Mein rechter Arm tat trotz Schmerzmittel erneut weh und es war einfach ein tolles Gefühl endlich die langen Enduro-Tage beendet zu haben. Schließlich sind wir jeden Tag 200-230km Offroad gefahren und das in jeweils sieben Stunden, fünf Tage lang. Blut, Schweiß, Tränen vergossen, aber ich habe mich durchgekämpft und der schlimmste Teil war geschafft!

Am letzten Tag, den Samstag, fuhren wir noch einmal 40km Etappe zu einer Motocross-Strecke. Dort wurde nach Hubraum und eingefahrenen Zeiten gestartet. Schon in der Einführungsrunde habe ich die Motocross-Strecke geliebt. Wir starteten direkt nach der Einführungsrunde mit 40 Fahrern gleichzeitig an einem Motocross-Startgatter. Ich konnte einen guten Start hinlegen und das Rennen gegen die 39 Männer auf einem sehr guten 6. Platz beenden. Mit überqueren der Zielflagge, war mir klar, dass ich es geschafft habe! Sechs Tage Motorradfahren! Ich war überglücklich! Und Tag 6 war mein absoluter Lieblingstag! Kein Tag hat so viel Spaß gemacht wie der letzte 😊.

Nach meiner letzten Teilnahme an der ISDE 2016, bei der ich im Frauen National-Team mit Maria Franke und Heike Petrick den 3. Platz gegen alle anderen Nationen einfahren konnte, hatte ich mir in den Kopf gesetzt noch einmal die Sixdays zu bestreiten. Verletzungsbedingt konnte ich mir den Traum jedoch in den letzten Jahren nicht ermöglichen. Vor allem traf mich meine Absage an der ISDE 2018 in Chile sehr, für die ich unheimlich viel und hart trainierte. Ein Unfall, bei dem sechs Wochen vor dem Event ein anderer Fahrer im Training nach einem Sprung auf mir landete, zwang mich schweren Herzens zu einer Absage. Die unfallbedingte offene Mittelhandfraktur, das gebrochene Schlüsselbein und weitere Folgen der vielen Medikamenten, wie das Pfeiffersches Drüsenfieber, hinderten mich am Trainieren, da dauerhafte Belastung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war. Die Folgen begleiteten mich noch lange. Durch die körperlichen Probleme kam mir die Corona-Zeit entgegen. Ich konnte mich endlich um meinen Körper kümmern und wurde fitter. Nachdem 2020 viele Rennen abgesagt wurden, habe ich mich bewusst auf das Studieren an der Uni konzentriert und das Rennen-Fahren hintenangestellt. Die Sixdays waren daher dieses Jahr nicht nur mein Highlight, sondern auch mein einziges Rennen, an dem ich teilgenommen habe. Auch wenn es teilweise eine Qual war, bin ich sehr froh und stolz, dass ich nach meinen Tiefen in den letzten Jahren, mir und ich denke auch vielen anderen beweisen konnte, dass ich es doch noch kann!

 

Ich liebe diesen Sport, egal wie weh er manchmal tut. Es gibt mir einfach unheimlich viel zurück…auch wenn die Erfolge manchmal etwas länger auf sich warten lassen 😉

 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal jedem Einzelnen, der mich auf meinem Weg unterstützt hat und an mich geglaubt hat ein Dankeschön dalassen.

Vielen Dank, ohne Euch wäre das alles nicht möglich gewesen!!!

Eure Vanni #185